Dieser Praxistipp stammt von Sylvia Loh, Englischlehrerin in Baden-Württemberg. Sie stellt vor, wie sie mit ihren Schüler/innen (S) ab Klasse 9 einen Weg gefunden hat, die englische Sprache trotz eines dicht gefüllten Unterrichts regelmäßig und bewusst im Unterricht zu thematisieren und zu trainieren.
Inhalt
Warum ein Language notebook?
Die Idee, mit einem Language notebook in meinem Englischunterricht zu arbeiten, entstand nach meiner langjährigen und oft frustrierenden Erfahrung, sinnvoll nachhaltige Spracharbeit im Unterricht zu verankern und thematisch an die Unterrichtsthemen anzubinden. Die Motivation der S, sich mit sprachlichen Phänomenen zu beschäftigen, war eher gering, was durch den Einsatz der üblichen „Vokabellisten“ und Arbeitsblätter noch verstärkt wurde. Zudem waren die Listen nicht jederzeit abrufbar bei den S, da sie meistens im Kopienchaos untergingen.
Spracharbeit wird oft als lästig und unnötig betrachtet, da Kompetenztraining und inhaltliche Analysen großen Raum einnehmen. Für mich ist jedoch die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Facetten der englischen Sprache ein wesentlicher Teil meines Unterrichts und sollte einen festen Platz im alltäglichen Unterrichtsgeschehen haben, ohne die inhaltliche Arbeit mit Themen und Texten zu vernachlässigen.
In der fachdidaktischen Literatur zur effektiven Wortschatzarbeit habe ich Anregungen für ein lexikalisches notebook gefunden und es für meinen Unterricht neu konzipiert und in der Oberstufe erfolgreich durchgeführt. Es basiert auf den Erkenntnissen des Lexical Approach und der Lexiko-Grammatik, die in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung für den Fremdsprachenunterricht gewonnen haben, s. auch Praxistipp Lexiko-Grammatik im Englischunterricht. Das Language notebook setzt diese fachdidaktischen Erkenntnisse praktisch um und unterstützt die Lernenden, Sprache effektiver wahrzunehmen.
Ich habe die Bezeichnung Language notebook statt Vocabulary notebook gewählt, weil Sprache komplex und nicht klar in Grammatik und Wortschatz zu trennen ist.
Was ist ein Language notebook?
Ein Language notebook ist das Tool, in dem englische Sprache im Unterricht und zu Hause dokumentiert und reflektiert wird. Es ist ein persönlich gestaltetes Notizbuch (A5-Format), das in fast jeder Stunde eingesetzt werden kann. Es beinhaltet sprachlichen Input – Sprachmaterial mit einer task – und den Output der S in Form von Notizen oder kurzen Texten.
Das jeweilige Sprachmaterial wurde von mir ausgesucht, immer im Kontext des gerade behandelten Themas bzw. Textes, z. B. Kollokationen zu einem Thema, eine grammatische Struktur in einem Text, ein Zitat aus einem Text, ein buzzword, eine interessante Formulierung in einem Text etc. Jeder Text bietet unzählige Möglichkeiten, auf sprachliche Phänomene aufmerksam zu machen, wobei literarische Texte aufgrund ihrer Sprachfülle und ihrer umfangreichen Alltagswendungen besonders geeignet sind. Vor allem Sprachinput in Form von Bildern, quotes oder interessanten phrases haben das Interesse der S geweckt.
Die ausgewählten sprachlichen Aspekte habe ich stets mit einer task verknüpft, um dadurch die Anbindung an den jeweiligen inhaltlichen Kontext zu gewährleisten oder um den S die Möglichkeit zu geben, die neuen Sprachmuster in ihre eigene Sprachproduktion zu integrieren. Beispiele:
–> Kollokationen zum Thema globalisation: Use the collocations to give a short speech about the dangers of globalistion.
–> Text mit if-clauses: What would you do if you had to face the same dilemma as the protagonist in the story?
Das Language notebook kann zudem Teil der alternativen Leistungsmessung sein. In meinem Unterricht war das Language notebook verpflichtend für alle, und ich habe es mit in die Unterrichtsnote einbezogen, z.B. als Dokument des Lernfortschrittes, als prozess- und produktorientiertes Instrument oder als best practice piece, das präsentiert, kommentiert und reflektiert wurde. Dadurch wurde das Language notebook verbindlich und nachhaltig.
Das Language notebook eignet sich besonders für die Klassenstufen 9–13.
Wie wird das Language notebook im Unterricht genutzt?
Die S erwerben ein persönliches Notizbuch im A5-Format und gestalten eine ansprechend visualisierte Einführungsseite, z. B. mit quotes, phrases, cartoons, mottos etc. Für das Dokumentieren des sprachlichen Inputs habe ich den S Gestaltungsmaterial, in Form einer grab box, bereitgestellt, z. B. post-it notes, markers, stickers etc. Im Laufe der Zeit haben die S ihr eigenes Visualisierungsmaterial verwendet und untereinander ausgetauscht.
Für die Lehrkraft bedeutet das Führen eines Language notebook anfangs eine gewisse Vorbereitung und Geduld, bis das Konzept und vor allem der Stellenwert des Language notebook für die S transparent geworden sind. Das Auswählen des jeweiligen sprachlichen Fokus wurde Teil meiner normalen Unterrichtsvorbereitung. Die Durchführung im Unterricht, max. 10 min, ist mit der Zeit für mich und meine S zur Routine geworden. Ich habe in fast jeder Stunde Gelegenheiten gefunden, Sprache im Kontext der inhaltlichen Textarbeit zu betrachten. Die S waren oft gespannt und neugierig, was wohl heute der Sprachinput sein wird. Meine Erkenntnis: Je motivierter die Lehrkraft bei der Einführung und Durchführung des Language notebook vorgeht, desto größer der Erfolg!
Was wird im Language notebook dokumentiert?
Das Sprachmaterial wird im Language notebook in unterschiedlichen Rubriken notiert und bearbeitet: topic vocabulary or lesson vocabulary, today’s grammar focus, useful phrases, my favourite words and expressions, words I find difficult, pictures, cartoons, quotes, word of the day, graphic organizers, lexical tasks.
Im Folgenden werden einige Beispiele ausführlicher erläutert.
Lesson vocabulary in lexical chunks
Der für eine Stunde relevante Wortschatz wird bereitgestellt und bei der Textarbeit besprochen. Der Wortschatz kann dafür mehrfach auf einem A4-Blatt gedruckt, auseinandergeschnitten und verteilt werden, damit die S ihn in das Language notebook kleben können. Alternativ notieren sie den Wortschatz selbst. Wichtig ist, dass der Wortschatz in chunks und Kollokationsmustern präsentiert wird, um den natürlichen Sprachgebrauch abzubilden. Die S erhalten dann eine task, in der sie den Wortschatz im Kontext anwenden sollen, z.B. Summarize the text using today‘s vocabulary oder Give a short speech about the topic presented in the text using at least five lexical chunks. Sie ergänzen weitere thematisch relevante chunks zu Hause und erstellen eine mind map oder ein topic web.
Quote of the day
Es wird ein Zitat aus einem Text mit einer zu wiederholenden grammatischen Struktur präsentiert. Die S interpretieren das Zitat und benutzen die Struktur im Rahmen einer task. Hier ein Beispiel aus „The Hate U Give“: I’m tired of them assuming, das die Wortverbinung to be tired of doing sth. enthält. Damit kann das Gerund wiederholt und mit dieser Task angewendet werden: Prepare a short talk about the importance of making assumptions.
Word of the day
Als Stundeneinstieg oder -ausstieg kann ein word of the day gewählt werden, das entweder im thematischen Kontext des Unterrichts steht oder ein gerade aktuelles buzzword ist, das für die S interessant sein könnte. Task: Look up the meaning of the word ‘no-brainer’ in the online Merriam-Webster dictionary and find three example sentences from US online newspapers. Share your findings with a partner. Die task erledigen die S zu Hause oder in einer kurzen Online-Recherche. Alternativ wählen die S ein word of the day selbst aus und präsentieren es im Unterricht.
Didaktische Hinweise
Das Language notebook kann auf sehr unterschiedliche Weise im Unterricht genutzt und damit fest im Unterricht verankert werden:
- regelmäßige Dokumentation von aktuellem Wortschatz
- zur Vorbereitung und Nachbereitung von Texten und Themen
- zur individuellen Wortschatzerweiterung: my favourite words, lines from lyrics or phrases from TV series, slang words, quotes
- als Kommunikationstraining: Quiz your partner about recently learned vocabulary. Tell your partner what you find interesting about topic XY
- zur Sprachreflexion: 3-2-1 reflection: 3 new phrases; 2 interesting collocations; 1 sentence containing three new phrases or words
- zur Würdigung des persönlichen sprachlichen Lernfortschritts It’s showtime! Present your notebook in your group and point out your best work.
- für early finishers: Work on your language notebook. Visualize new vocabulary. Write down which language tasks you liked or did not like
Fazit
Das Language notebook wurde von den S evaluiert und mehrheitlich positiv beurteilt. Besonders geschätzt wurden folgende Aspekte: individuelle Gestaltungsmöglichkeiten, strukturierte und gezielte Vorgaben beim sprachlichen Input (tasks), stärkeres Bewusstsein für Spracharbeit und die Vielfalt der fremdsprachlichen Ausdrucksformen, Spaß, Motivation und die kommunikative Anwendung im Unterricht.
Vor allem aber hat das Language Notebook das erreicht, was ich beabsichtigt hatte: Die Sprachkenntnisse der Lernenden haben sich deutlich verbessert. Die S setzten sich bewusster mit sprachlichen Strukturen auseinander, verwendeten differenziertere Ausdrucksformen und interessierten sich zunehmend für die englische Sprache. Meine Erkenntnis nach vielen Jahren: It’s worth it. Give it a try!
Language Matters: Integrierte Spracharbeit mit Lektüren
Sylvia Loh ist Autorin der Spracharbeitsmaterialien „Language Matters“ für den Roman „The Hate U Give“ und die Kurzgeschichtensammlung „Tales of Migration“. Ihre Erkenntsnisse und praktischen Erfahrungen bei der Arbeit mit dem Language notebook dienten als konzeptionelle Grundlage für die Entwicklung von Sprachaufgaben im Kontext dieser literarischen Texte.
Eine Auswahl von Aufgaben aus „Language Matters“ werden im Praxistipp Drei praxisorientierte Ideen für Spracharbeit mit literarischen Texten vorgestellt.
Literatur
- Lewis, M. (1993): The Lexical Approach: the State of ELT and the Way Forward. Hove.
PRAXISTIPPS für Ihren Unterricht
Möchten Sie zukünftig über neue Praxistipps informiert werden? Melden Sie sich HIER an und Sie erhalten regelmäßig aktuelle Informationen zum Thema Literatur im Englischunterricht sowie attraktive Angebote aus unserem Programm.
Wenn die Praxistipps kurz und knapp, aber dennoch informativ und attraktiv sein sollen, folgen Sie uns auf Instagram.