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Die Warnung vor neuen Medien in Bezug auf das Lesen
Das Aufkommen neuer Medien führte stets zu düsteren Prognosen über Wissenserwerb, Lernfähigkeiten und gesellschaftliche Teilhabe. Schon Platon warnte davor, dass die Schrift das Gedächtnis schwächen könnte. Später fürchtete man, der Buchdruck würde aufgrund der massenweisen Produktion von Büchern zu oberflächlichem Lesen führen, das Fernsehen das Buch mit passiver Unterhaltung ersetzen und das Internet das Lesen durch permanente Ablenkung nachhaltig beeinträchtigen.
Platons Sorge gegenüber der aufkommenden Schrift galt oberflächlichem Wissen, fehlender Reflexion und passivem Aufnehmen statt aktivem Denken. Diese Bedenken klingen in unserer heutigen KI-geprägten Zeit hochaktuell. Das Lesen ist eine unserer grundlegenden Kulturtechniken. Verlieren Lernende – und nicht nur sie – in der digitalen Gegenwart die Fähigkeit zu lesen?
Was ist Deep Reading?
Deep Reading oder tiefes Lesen meint eine Form des langsamen, konzentrierten Lesens, bei der Leser/innen einen Text nicht nur oberflächlich verstehen, sondern ihn sprachlich, inhaltlich und emotional vollständig durchdringen. Dabei geht es nicht nur darum, Informationen zu entnehmen, sondern zwischen den Zeilen zu lesen, Zusammenhänge herzustellen, Perspektiven nachzuvollziehen und sprachliche Nuancen wahrzunehmen. Der Begriff wird in der Leseforschung als Gegenbegriff zur digitalen Netzlektüre genutzt und beschreibt einen tief verarbeitenden Leseprozess, der besonders häufig mit dem Lesen längerer Printtexte verbunden wird. Im Gegensatz zum schnellen „Skimming“ oder Scrollen erfordert tiefes Lesen Aufmerksamkeit, Geduld und emotionale Beteiligung. Besonders literarische Texte fördern diese Form des Lesens, weil sie Interpretation, Empathie und kritisches Denken verlangen.
Konsequenzen für den Unterricht
Jugendliche lesen heute nicht weniger, sondern anders. Sie sind von Texten umgeben, die weniger Konzentration erfordern, die überflogen werden können und die vor allem online viele Ablenkungen enthalten. Das führt dazu, dass Schüler/innen schneller, selektiver und oberflächlicher lesen. Die Folge ist, dass längere Texte oft Frust erzeugen, weil es anstrengender ist, einen Roman zu lesen als kurze Texte zu überfliegen. Hinzu kommt, dass Jugendliche im Alltag häufig mit sprachlich vereinfachten und stark verdichteten Textformen umgehen. Das Gehirn passt sich an Medienumgebungen an. Tiefgründiges Lesen ist heutzutage für Jugendliche eine große Herausforderung, oft auch für uns Erwachsene, die dem Lesen einen hohen Stellenwert beimessen.
Die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf betont, dass Lesen oder Deep Reading keine angeborene Fähigkeit ist, sondern kulturell erlernt und durch regelmäßiges Lesen trainiert werden muss. Dieses Training beginnt mit dem Erlernen des Lesens und setzt sich bis in die Oberstufe fort. Die Tatsache, dass das Lesen permanent trainiert werden muss, sollte man sich immer wieder bewusst machen, auch um der eigenen Enttäuschung über die Leseferne der Lernenden vorzubeugen.
Lesetraining findet in allen Schulfächern statt, wobei dem Literaturunterricht eine besondere Verantwortung zukommt. Literaturunterricht bietet Jugendlichen die Gelegenheit, oft ihre einzige, mit längeren literarischen Texten in Berührung zu kommen und langsames und reflektiertes Lesen zu trainieren.
Deep Reading bewusst entwickeln
Ein spannendes Buch selbst genügt leider nicht, Jugendliche zum Lesen zu motivieren. Literatur hat es, wie dargestellt, aufgrund der Länge von vornherein schwer, angenommen zu werden. Daher braucht Literatur ein anderes Herangehen als ein Sachtext in Artikellänge, manchmal auch einen gemeinsamen Beginn und Zugänge, die Emotionen wecken und neue Perspektiven eröffnen. Hier sind einige Tipps für Ihren Unterricht.
Gemeinsam lesen
Read the first three chapters until the next lesson or Read the novel over the Easter holiday. Eine übliche Aufgabe für den Beginn einer neuen Lektüre, doch nicht immer wird sie von allen erledigt. Alternativ kann man so vorgehen: Die neue Lektüre wird gemeinsam im Unterricht gelesen, still, jede/r für sich, 15 Minuten, Seitenanzahl vorgeben. Ungewohnt? Mit Sicherheit, vor allem für die Schüler/innen, ohne jegliche Ablenkung zu lesen. Denken Sie nicht an den Zeitverlust, sondern an den Gewinn, dass jede/r in der Klasse den Textabschnitt jetzt kennt und am Gespräch über den Text teilnehmen kann. Gemeinsames Lesen entschleunigt den Leseprozess und hilft Schüler/innen, Aufmerksamkeit, Geduld und Lesekonzentration aufzubauen. Führen Sie das ca. 2–3 mal durch und Ihre Schüler/innen werden sich in den Roman einlesen und Neugier auf den weiteren Verlauf entwickeln. (Es gibt mittlerweile populäre Silent Reading Clubs, wo genau dieses Format durchgeführt wird.)
Die Lernenden aktiv in die Textinterpretation einbinden
Literarisches Lesen lebt von emotionaler Beteiligung. Das zeigt sich bei der beliebten Romantasy-Welle, bei der (romantische) Gefühle der Hauptleseanlass sind. Dieses Pfund lässt sich leider im Unterricht nicht einsetzen, denn die Lektüre, so emotional ansprechend sie auch sein möge, ist erst einmal das, was sie ist: eine Unterrichtslektüre. Daher gilt es, diese methodisch-didaktische Nuss zu knacken: einen Lektüredurchgang entwickeln, der Schüler/innen dazu anspricht und herausfordert, sich mit einem längeren Text intensiv auseinanderzusetzen. Rationale Textanalyse hilft dabei nur bedingt. Jetzt sind Methoden gefragt, die die Schüler/innen direkt und emotional ansprechen: kreative Methoden. Sie stellen die Lernenden in den Mittelpunkt der Textrezeption und fragen danach, wie sie den Text sehen, verstehen oder empfinden. Literarische Texte dienen dabei als Ausgangspunkt für vielfältige Handlungen, Produkte und Kommunikation.
Konkret heißt das:
- Aufgaben einsetzen, bei denen Lernende ihre persönliche Meinung zum Text äußern und aktiv interpretieren. Schüler/innen können auf einen Text reagieren, ihn reflektieren, in Frage stellen und zustimmen, ihm widersprechen, Gedanken oder Nachrichten hinzufügen.
- Anlässe schaffen, die Perspektivübernahme ermöglichen, um Motivation und Handlungsabsichten anderer Personen zu erkennen und eigene Wahrnehmungen zu erweitern oder zu hinterfragen. Beispiel: Die Schüler/innen übernehmen die Rolle einer Figur und reflektieren ihre innere Welt und Gedanken in Bezug auf Ereignisse im Text. Dabei äußern sie sich zu unterschiedlichen vorgegebenen Rubriken wie: What I learned about myself today. What I cannot say aloud. Three things I regret. What I want to do differently. Die Lernenden tragen die Antworten in Notizhefte ein, die sie wie ein Reflexionsbuch grafisch gestalten können. Ein beliebtes Format für Heranwachsende.
- Aufgaben in vielfältiger Weise umsetzen lassen: textlich, akustisch, visuell, szenisch, digital. Wenn zum Beispiel Lernende die Playlist einer Figur in einem Roman oder einer Szene erstellen, charakterisieren sie die Figur nicht im klassischen Sinne, sondern mit den akustischen Mitteln, die ihnen vertraut und wichtig sind.
- Kommunikative Anlässe schaffen, die unerwartet, provokant, überraschend sind, damit Jugendliche zur Interpretation wirklich herausgefordert werden, z.B. ein Ereignis, ein Ort, eine Figur oder eine Entscheidung wird übermäßig positiv dargestellt oder beworben, insbesondere dann, wenn diese Gegebenheiten im Text kritisch erscheinen. Beispiel: Imagine you are an influencer paid by … and will present … Diese Aufgabe wirkt authentisch, wenn ein Social-Media-Format dafür gewählt wird.
Diese und mehr Ideen sind in in der Sammlung „40 kreative Methoden im Literaturunterricht“ enthalten. Diese Übersicht können Sie gratis herunterladen: Übersicht
Analoges Lesen mit digitalen Medien verbinden
Maryanne Wolf plädiert nicht für eine Rückkehr zu einer rein analogen Lesekultur, sondern für die Entwicklung eines „bi-literate reading brain“, das sowohl digitale als auch analoge Medien kompetent nutzen kann. Sie sieht die Lösung in einer bewussten Verbindung von Print- und Bildschirmlektüre. Gedruckte Texte fördern insbesondere Konzentration, Geduld und tiefes Textverständnis, während digitale Medien kreative, kommunikative und analytische Kompetenzen stärken können. Ziel sollte daher sein, Schüler/innen flexibel zwischen beiden Formen des Lesens wechseln zu lassen. Gerade digitale Medien und KI können neue Zugänge zu Literatur eröffnen, Interesse an literarischen Texten wecken und Deep Reading gezielt unterstützen.
Das Beispiel zeigt die Figurenkonstellation im Roman „The Hate U Give“ erstellt mit Flinga.
Literatur sprachlich reflektieren
Insbesondere literarische Texte bieten reichhaltigen und authentischen Sprachinput, der genutzt werden kann und sollte, um Sprache im Text selbst zu untersuchen und die sprachliche Kompetenz der Schüler/innen kontinuierlich zu trainieren und weiterzuentwickeln. Die sprachlich-ästhetische Wirkung eines Textes entsteht erst durch die spezifische Wortauswahl, den Duktus, den individuellen Sprachstil. Schüler/innen sollten darauf aufmerksam gemacht und angeleitet werden, die Sprache in literarischen Kontexten zu untersuchen. Die Auswahl sprachlicher Mittel kann sich am Text selbst oder an den Bedürfnissen und Interessen der Lernenden orientieren. Wichtig ist, die Sprachbetrachtung regelmäßig einzuplanen, gern auch als häusliche und selbstständige Tätigkeit, um das Sprachpotenzial literarischer Texte auch zu nutzen.
Im hier abgebildeten Beispiel aus dem Roman „Feed“ betrachten die S die in den Feed-Unterbrechungen verwendete Sprache genauer. Sie sollen erkennen, dass es sich dabei um künstliche Werbesprache handelt, die geprägt ist von Umgangssprache und Slang, teils nicht dem Standardenglisch entspricht, Wörter erfindet und zudem bewusst unverständlich angelegt ist, um den Sprachverfall im Roman darzustellen. Die Feed-Unterbrechungen eignen sich dabei, um typische Merkmale von Werbung zu erkennen und zu analysieren.
Fazit
Es verändert sich gerade, wie junge Menschen lesen. Umso wichtiger wird Schule als Ort konzentrierter Aufmerksamkeit. Deep Reading entsteht nicht von selbst. Es braucht Zeit, Anleitung und geeignete Zugänge zu literarischen Texten. Gemeinsames Lesen, kreative Methoden und regelmäßige Sprachbetrachtung helfen Schüler/innen, wirklich in Texte einzutauchen. Gerade in einer Welt des schnellen Scrollens wird diese Fähigkeit immer wichtiger. Genau deshalb ist Literaturunterricht heute wichtiger denn je.
Quellen und weitere Informationen zum Deep Reading
- Rosebrock, Cornelia: Netzlektüre und Deep Reading. Entmischungen der Lesekultur. 2020. https://www.leseforum.ch/sysModules/obxLeseforum/Artikel/694/2020_2_de_rosebrock.pdf
- Wolf, Maryanne: The Deep-Reading Brain and the Good Life. 2016. https://medium.com/thrive-global/the-deep-reading-brain-and-the-good-life-3f9ec5e5a4c0
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