Inhalt
Einleitung
Die Planung einer Lektürereihe ist eine komplexe Aufgabe, die mit einer Vielzahl an inhaltlichen und unterrichtlichen Entscheidungen verbunden ist. Ein literarischer Text eröffnet ein sehr breites Spektrum an möglichen Zugängen: literarische und thematische Aspekte, sprachliche Schwerpunkte, methodische Herangehensweisen und vielfältige Aufgabenformate. Aus dieser Fülle gilt es, eine Auswahl zu treffen, die in der begrenzten Unterrichtszeit umsetzbar ist und gleichzeitig die Interessen der Lernenden anspricht – eine Herausforderung, selbst für erfahrene Lehrkräfte.
Fertig aufbereitete Materialien von Verlagen (wie vom Edulit Verlag ✅) sind eine wertvolle Unterstützung. Gleichzeitig möchten viele Lehrkräfte einen literarischen Text selbst erschließen und ihren eigenen Lektüredurchgang entwickeln – sei es, weil es noch keine passenden Materialien gibt oder weil die vorhandenen nicht ganz den Bedürfnissen der eigenen Lerngruppe entsprechen.
In diesem Praxistipp werden drei Schritte vorgestellt, die dabei helfen, das inhaltliche Potenzial eines literarischen Textes zu erfassen, zu strukturieren und in einem schlüssigen Unterrichtsverlauf anzuordnen. Ziel ist es, Orientierung zu bieten – egal ob man noch ganz am Anfang der Planung steht oder bereits (zu) viele Ideen vorliegen und eine klare Struktur sucht.
Hinweis: Die Auswahl der passenden Lektüre wird hier vorausgesetzt. Kriterien zur Textwahl werden in einem separaten Beitrag behandelt.
Schritt 1: Gründliche Textkenntnis als Basis
Die Grundlage jeder Planung ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem literarischen Text: den Text sorgfältig lesen, selbst interpretieren und Eindrücke festhalten. Das mag etwas wie stating the obvious klingen, betont allerdings, dass das vorbereitende Lesen eines Textes über eine normale Lektüre hinausgeht. Empfehlenswert ist, den Text aus der Sicht der Lernenden zu betrachten, vielleicht bei einem zweiten Lesen. So werden Stellen sichtbar, die potenziell Schwierigkeiten bereiten könnten und die daher gezielt in den Unterricht integriert werden sollten.
Ebenso wichtig ist es, nach relevanten Szenen oder Passagen Ausschau zu halten: zentrale Fragen oder turning points, überraschende Wendungen, sprachliche Feinheiten, die leicht übersehen werden, aber beim genaueren Hinsehen besonders lohnend sind (s. auch 2.5).
Begleitende Recherchen, etwa zum/zur Autor/in, zu thematischen Kontexten und zu Ereignissen im Text oder Rezensionen zum Text können zusätzliche Perspektiven liefern und den Zugang für Lehrende und Lernende vertiefen. Alle Beobachtungen und Ideen sollten von Anfang an und während der Arbeit an der Planung der Lektürerreihe notiert und sortiert werden. Sie bilden das Fundament für die weitere Unterrichtsplanung im nächsten Schritt.
Schritt 2: Schwerpunktsetzung bei der Planung der Lektürereihe
In diesem Schritt werden zentrale Kategorien definiert, auf die der Fokus in den Unterrichtsstunden gelegt werden soll. Diese Schwerpunktsetzungen tragen dazu bei, die inhaltlichen Aspekte einer Lektüre im Vorfeld ausgewogen auszuwählen und sie anschließend in einer passenden Reihenfolge anzuordnen. Ferner wird sichergestellt, dass die inhaltliche Fülle eines literarischen Textes von Anfang an so geplant wird, dass sie im Unterricht zu bewältigen ist.
Praktisch lässt sich die Planung einer Lektürereihe gut mit Mindmaps, digitalen Tools oder einer einfachen Kategorisierung auf Papier umsetzen.
Folgende fünf Kategorien haben sich dabei bewährt (die Begriffe wurden so gewählt, dass sie prägnant sind und sich für Übersichten eignen):
2.1 Textarbeit: Auswahl und Analyse zentraler Textstellen
Da im Unterricht ein Text nicht in seiner Gesamtheit behandelt werden kann, ist eine gezielte Auswahl zentraler Passagen notwendig. Es gilt, die Szenen oder Textstellen zu bestimmen, die besonders aussagekräftig oder inhaltlich prägend sind und sich daher für eine vertiefte Analyse eignen. Dieses textbezogene Vorgehen lässt sich wie ein zooming in beschreiben: ausgewählte Dialoge, Handlungsverläufe oder Schlüsselszenen werden genauer untersucht und gemeinsam erarbeitet. Besonders lohnend sind Passagen, die für die Handlung entscheidend sind oder sich für produktive Anwendungsaufgaben anbieten.
Ein Teil dieser Textarbeit sollte dazu genutzt werden, zu Beginn das grundlegende Textverständnis abzusichern. So wird gewährleistet, dass alle Schülerinnen und Schüler die zentralen inhaltlichen Aspekte nachvollziehen können.
2.2 Kernaussagen: Zentrale Themen und Kernaussagen identifizieren
Im Gegensatz zur Detailarbeit findet nun ein zooming out statt: Die zentralen Themen und Aussagen eines literarischen Texten, die sicher bei dessen Auswahl zum Erfüllen der curricularen Vorgaben eine entscheidende Rolle gespielt haben, werden in diesem Schritt zusammengefasst. Empfehlenswert ist, drei bis vier Kernaussagen zu formulieren und die Textstellen, bei denen sie eine wichtige Rolle spielen, zu markieren. So bleibt der Fokus auf die Kernaussagen überschaubar und es bleibt genügend Zeit, sie gründlich zu bearbeiten.
Das Festlegen der Kernaussagen bietet zudem die Gelegenheit, den zeitlichen Einsatz einer Lektüre im Schuljahr zu planen. Literarische Texte eignen sich hervorragend, um zentrale Themenfelder aus Kernlehrplänen detailliert und umfassend zu vermitteln, z.B. USA, growing up oder science and technology. Sie können entweder anstelle von Sachtexten oder in Kombination mit ihnen unterrichtet werden. Umfassende Impulse zu diesem Aspekt bietet das Webinar „Ganz schön lehrplangerecht! Literatur als unterschätzter Alleskönner im Unterricht“, s. Information unten.
2.3 Literaturarbeit: Literarische Gestaltungsmittel gezielt vermitteln
Jeder literarische Text lebt von seinen Gestaltungsverfahren und stilistischen Mitteln. In diesem Schritt wird entschieden, welche Aspekte der literarischen Analyse in den Vordergrund rücken sollen. Was zeichnet einen vorliegenden literarischen Text besonders aus: die Handlung, Figuren, Raum, Erzählperspektive, sprachliche und stilistische Mittel, Motive oder der Textaufbau? Ebenso wichtig ist, die sprachlich-ästhetische Seite des Textes in den Blick zu nehmen: Wie entfaltet sich Wirkung durch die gewählten sprachlichen Mittel oder durch sprachliche Bilder? Welche stilistischen Besonderheiten tragen dazu bei, den Text literarisch erlebbar zu machen? Die sprachliche Bewussmachung lässt sich auch in Verbindung mit dem Fokus Spracharbeit unterrichten (s. Abschnitt 2.5). Für den Unterricht sollten einige literarische Gestaltungsmittel ausgewählt werden, die besonders prägend für den Text sind.
2.4 Zusatzinformationen: Kontext- und Zusatzmaterialien einbinden
In der Regel erschließt sich eine fremdsprachige Lektüre nicht allein durch den Text. Das Setting eines englischsprachigen Textes ist den Lernenden in der Regel unbekannt, sodass Hintergrundinformationen zu kulturellen, historischen oder gesellschaftlichen Aspekten für das Verständnis des Textes notwendig sind. Zusätzliche Informationen können sich ebenso auf den Text selbst beziehen, z.B. in Form von Interviews, Verfilmungen oder Buchtrailer. Auch die Kernaussagen können mit einem weiteren Materialangebot näher vorgestellt werden: durch Sachtexte, audio-visuelle Texte, Bilder, Musik u.v.m. Dabei wird nicht nur das Verständnis des Textes unterstützt, sondern der Unterricht wird methodisch abwechslungsreich und motivierend gestaltet und weitere funktional-kommunikative Kompetenzen werden in den Literaturunterricht integriert. Zu empfehlen ist, diese Materialsuche ganz am Anfang der Planung einer Lektürreihe zu beginnen und sich die Quellen zu notieren.
2.5 Spracharbeit: Von literarischen Texten sprachlich profitieren
Literarische Texte liefern einen reichen, authentischen Sprachinput, der für die Entwicklung von Sprachkompetenz genutzt werden sollte. Die Aufgabe besteht darin, sprachliche Konstruktionen, die für die Lernenden wissens- oder lernenswert sind, herauszufiltern und didaktisch aufzubereiten. Besonders geeignet sind wiederkehrende Strukturen, idiomatische Wendungen oder markante stilistische Formulierungen. Ein weiterer Aspekt ist die Bereitstellung von themenspezifischem Wortschatz, den die Schüler/innen für den Austausch über den Text einsetzen können. Passende Sprachfelder – orientiert an den Kernaussagen oder zentralen Themen – sollten daher von Anfang an mitgedacht und systematisch aufgebaut werden.
Ergebnis der Schwerpunktsetzung
Sind die fünf Kategorien bearbeitet, steht fest, welche Ziele mit der Lektüre verfolgt werden sollen. Der Vorteil: Von nun an kann man sich ganz auf diese Schwerpunkte konzentrieren. Alles, was darüber hinausgeht, sollte bewusst weggelassen werden – auch wenn es schwerfällt. Didaktische Reduktion gehört zu den größten Herausforderungen im Unterricht, ist aber entscheidend für eine gelungene Lektürereihe. Daher ist es wichtig, den Umfang der Schwerpunkte so zu planen, dass er in die zur Verfügung stehende Zeit für die Lektüre passt – im Zweifel lieber etwas weniger vornehmen, um Raum für Vertiefung und Flexibilität zu lassen.
Schritt 3: Der rote Faden: Die Lektürereihe aufbauen
Wenn die inhaltlichen Schwerpunkte festgelegt sind, geht es darum, sie in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. So entsteht ein roter Faden durch die gesamte Unterrichtsreihe mit der Lektüre. Bei der Abfolge kann man sich an den klassischen pre-, while- und post-reading-Phasen orientieren – auch wenn man sie nicht ausdrücklich so benennt, in gewisser Weise wird dies stets der Ablauf sein. Wichtig ist, dass die Themen logisch aufeinander aufbauen und das unterrichtliche Vorgehen abwechslungsreich gestaltet wird.
Einige Beispiele:
- Kernthemen, die sich erst im Laufe der Handlung herauskristallisieren, werden auch erst später eingeplant
- Figurenanalysen lassen sich gut mit passenden Szenen verknüpfen
- sprachliche Besonderheiten oder Zitate können dann thematisiert werden, wenn sie im Text auftreten
Für die Übersichtlichkeit empfiehlt es sich, pro Unterrichtseinheit einen Schwerpunkt festzuhalten. In der Praxis können natürlich auch zwei Aspekte sinnvoll kombiniert werden, etwa Literaturarbeit + Textarbeit.
Wichtig: Die Grobplanung muss nicht bis ins letzte Detail fixiert sein. Im Gegenteil – eine gewisse Offenheit erleichtert es, auf die Dynamik der Lerngruppe zu reagieren und spontan den Unterricht anzupassen. Dennoch ist es ratsam, die Schwerpunktsetzungen und damit die Struktur beizubehalten, um die Planung nicht erneut zu beginnen.
Hier ist ein Beispiel für die Auswahl und Anordnung der Unterrichtseinheiten für den Roman „Severance“ von Ling Ma. Eine Übersicht über die Unterrichtseinheiten in diesem Format werden für alle Lektüren von Edulit bereitgestellt und ist in der kostenlosen Einführung zu jeder Lektüre enthalten.
Vom Grobkonzept zur Feinplanung
Nachdem die grobe Struktur steht, beginnt die Feinplanung der einzelnen Stunden: Welche kommunikativen Kompetenzen bieten sich in Verbindung mit den Schwerpunkten an und können trainiert werden? Welche Methoden, Medien, Sozialformen oder digitalen Tools passen dazu? Wie sieht das Materialangebot (Arbeitsblätter) aus? Welche kreativen Zugangsformen oder Projekte sind geeignet? Wie werden die Leistungen der Schüler/innen überprüft? Die Beantwortung dieser Fragen bedeutet noch einmal einiges an Arbeit, doch durch die vorangehende Planung ist der Unterricht bereits gut vorstrukturiert und deutlich entlastet.
Vorlagen für die Planung einer Lektürereihe
Für die Planung einer Lektürereihe stehen zwei editierbare Word-Vorlagen zum Download bereit, die Sie flexibel einsetzen können:
- Vorlage 1 dient der Sammlung und Strukturierung der Informationen, die Sie im Verlauf der drei beschriebenen Planungsschritte erarbeiten. Sie hilft dabei, Beobachtungen, Ideen und Schwerpunktsetzungen übersichtlich zu dokumentieren.
- Vorlage 2 bietet eine tabellarische Struktur, um die erarbeiteten Inhalte in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen, die Grobplanung zu visualisieren und anschließend durch die Feinplanung einzelner Stunden zu ergänzen.
In diese Word-Dokumente können die vorbereitenden Informationen zu einer Lektüre eingetragen, nach Bedarf geändert und wiederverwendet werden.
Welches Format Sie für Ihre Planung bevorzugen – analog oder mit einem digitalen Planungstool – ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass die vielfältigen Möglichkeiten der Lektüreplanung übersichtlich, anschaulich und praktikabel dargestellt werden und die Vorlage als funktionales Planunghilfe für den Unterricht dient.
Fazit
Eine gute Planung einer Lektürereihe macht den Unterschied: Sie hilft, die Fülle eines literarischen Textes in klare Bahnen zu lenken und Überforderung zu vermeiden. Mit den vorgestellten Schritten lassen sich Schwerpunkte gezielt setzen und flexibel an die eigene Unterrichtssituation anpassen. Am Ende gilt: Jede Lektürereihe trägt die Handschrift der Lehrkraft – nutzen Sie die Chance, Ihre eigene Gestaltung einzubringen. Erfahrungen und Tipps aus der Praxis sind dabei stets willkommen!
WEBINAR
Ganz schön lehrplangerecht! Literatur als unterschätzter Alleskönner im Unterricht
Termin: Mittwoch, 24.09.2025
Zeit: 17.00–18.00 Uhr
Inhalt
Literatur bietet im Fremdsprachenunterricht weitaus mehr als nur Hintergrundwissen über ein Zielsprachenland. Sie öffnet emotionale Zugänge, weckt Interesse und schafft echte Identifikationsmomente – ein unschätzbarer Mehrwert, der nachhaltigen Lernerfolg ermöglicht. Dennoch wird Literatur im Unterrichtsalltag oft vernachlässigt und lediglich amRande oder nach Abschluss der regulären Unterrichtsinhalte behandelt.
Diese praxisnahe Fortbildung zeigt, wie literarische Texte motivierend, lehrplangerecht und sprachfördernd in den Fremdsprachenunterricht integriert werden können und sich als vollwertige und motivierende Alternative zu Sachtexten nutzen lassen.
Sie erhalten Anregungen, wie lehrplanrelevante Themen mit Literatur ansprechend und umfassend abgedeckt werden können
ein anwendungsorientiertes sprachliches Auswerten von literarischen Texten gelingt
funktional-kommunikative Kompetenzen bei der Literaturarbeit gezielt trainiert werden können
Die praktische Umsetzung wird anhand von konkreten Beispielen aus aktuellen Romanen sofort anwendbar vorgestellt.
Lassen Sie sich inspirieren, wie Literatur nicht nur ein Zusatz, sondern als Kernbestandteil eines lebendigen Sprachunterrichts werden kann.
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