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Generative Künstliche Intelligenz (KI) ist längst im Schulalltag angekommen und wird von vielen Lehrkräften und Lernenden bereits genutzt. Die zentrale Frage ist, wie sich KI sinnvoll und praktisch in den Unterricht einbinden lässt, speziell in die Arbeit mit Lektüren. Dies ist nicht immer so unmittelbar umsetzbar wie bei digitalen kooperativen Tools. Dennoch kann KI helfen, literarische Texte in Verbindung mit kreativen Methoden besser zu erschließen und das Lesen für Schüler/innen sehr viel attraktiver zu machen.
KI im Literaturunterricht
Was ist Bild-KI
Eine Bild-KI ist ein digitales Werkzeug, das aus kurzen Textbeschreibungen automatisch Bilder erstellt. Man gibt dafür einen Prompt ein und die KI generiert daraus ein passendes Bild. Grundlage sind große Datensätze, aus denen typische visuelle Muster kombiniert werden.
Für den Unterricht eröffnet das viele Möglichkeiten für Lehrkräfte und Lernende, um Inhalte zu visualisieren, Sachverhalte darzustellen und Materialien attraktiver zu gestalten. Weit verbreitete Bild-Generatoren sind DALL-E 2, Midjourney, Fobizz Bild-Generator oder Canva Image Generator (für Lehrkräfte gratis und bei den Beispielen hier genutzt). Man wählt am besten das Angebot, was an der Schule üblich ist oder was man bereits kennt. Falls sie noch keine Erfahrung mit einer Bild-KI haben, probieren Sie eine der genannten aus. Die meisten bieten kostenlose Basisversionen.
KI als Werkzeug zur Visualisierung
Dieser Praxistipp stellt eine Idee zum Einsatz von Bild-KI im Literaturunterricht vor. KI wird dabei eingesetzt, um Visualisierungen zu erstellen und so den Prozess des literarischen Verstehens zu unterstützen. Die Schüler/innen generieren mithilfe der KI Bilder zum Text und bringen dabei ihr Textverständnis und ihre individuelle Sicht auf den Text ein. Die Bildgenerierung dient dem Kennenlernen des KI-Tools und gleichzeitig dem Training von AI Literacy an: Lernende (und Lehrkräfte) sollen KI verstehen, kreativ nutzen und kritisch hinterfragen. Der gemeinsame Austausch über die entstandenen Bilder dient als Anschlusskommunikation.
Textgrundlage: „Feed“ von M. T. Anderson
Im Roman „Feed“ des US-amerikanischen Autors M. T. Anderson wird das Leben der Menschen durch den feed, ein Implantat im Kopf, gesteuert. Sie haben damit das Internet nonstop zur Verfügung und können chatten, streamen, shoppen, Musik hören – mit der Folge, dass der feed ihr Leben fest im Griff hat und ihr Denken und Handeln steuert.
👉 Der Roman und das begleitende Unterrichtsmaterial werden in einem Webinar am 21.05.2026 vorgestellt. Mehr Informationen unter dem Beitrag.
Praktisches Vorgehen
Zu Beginn des Romans fliegen die Hauptfiguren Titus und seine Freunde auf den Mond. Es ist spring break und Zeit für Spaß und Partys. Der Mond bietet dafür genau die richtigen Voraussetzungen. Um sich vorzustellen, wie der Mond im Roman aussieht, sodass man dort gerne seine Ferien verbringen möchte, sollen die Lernenden folgende Fragen beantworten: „Why could a trip to the moon be fun? What does the moon in Feed look like?“ Sie sind aufgefordert, den Mond so darzustellen, wie er im Text beschrieben wird. Dabei übernehmen sie die Informationen aus dem Text und bringen eigene visuelle Vorstellungen vom Mond ein, die beim Lesen entstanden sind.
Prompting: Digitale Kompetenzen trainieren
Bilder lassen sich von Bild-KI unkompliziert generieren, doch wer bereits Erfahrung damit hat, weiß, dass ein Bild nur so gut wird, wie der Prompt formuliert wurde. Aus diesem Grund ist das Schreiben von Prompts eines der Hauptziele dieser Unterrichtsidee. Dabei werden diese Kompetenzen trainiert:
- Leseverstehen: Der Mond wird im Roman im ersten Kapitel auf mehreren Seiten beschrieben. Bei der Anreise sieht er so aus, wie wir ihn kennen, doch nach der Ankunft wird er als attraktiver Party-Hotspot beschrieben. Die Schüler/innen sind aufgefordert, diese Textstellen im Kapitel zu finden und zu erfassen sowie eigene Interpretationen vom Aussehen des Mondes zu entwickeln.
- Schreiben: Die Vorstellungen vom Text werden jetzt in einen Prompt umformuliert. Dieser entspricht einer sachlichen Bildbeschreibung. Grundlage dafür ist der gelesene literarische Text, der in einem Übersetzungsprozess in eine Sachbeschreibung umgewandelt wird. Dabei werden die für die Bildgenerierung relevanten Informationen ergänzt, insbesondere Angaben zum Bildaufbau, zum Stil, zu zentralen Bildelementen sowie zum Bildformat. Die Lernenden erhalten dafür Hilfestellung mit einer Inforbox.
- Medienkompetenz und digitale Kompetenz: Im Anschluss werden die generierten Bilder überprüft. Oft entspricht das erste Ergebnis nicht den Vorstellungen, weshalb der Prompt entweder angepasst oder erneut eingegeben werden muss, um das Ergebnis besser zu steuern. Die kritische Überprüfung der Ergebnisse ist einer der wichtigsten Aspekte bei der Vermittlung von AI Literacy. KI weiß auf jede Frage eine Antwort oder gibt zumindest eine Antwort – und das noch schneller und oft überzeugender als wir es könnten. Das erhöht ihren Stellenwert und überhöht ihn mitunter. Besonders Jugendliche sollten lernen, KI-Ergebnisse zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen.
Hier ist ein mit Canva erstelltes Bild.
Mehrwert von KI-Visualisierungen im Unterricht
Die Visualisierung literarischer Inhalte bietet mehrere didaktische Vorteile:
- Bilder zu erstellen und die Resultate selbst fördern die aktive Auseinandersetzung mit dem literarischen Text, bei der Lernende nicht nur ihr Textverständnis zeigen, sondern ihre subjektive Wahrnehmung des Textes in konkrete Bilder übertragen. Durch den Fokus auf die persönliche Sicht der Lernenden entsteht eine engere und emotionale Bindung zum Text, was die Lust am Lesen stark fördert.
- Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: Visuelle Wahrnehmungen machen Textinhalte greifbarer. Szenen, Schaupätze, aber auch Gefühle, Stimmungen oder Beziehungen zwischen Figuren werden durch Bilder intuitiver verstanden und intensiver nachempfunden.
- Die digitale Lebenswelt der Schüler/innen hält in den Literaturunterricht Einzug, was schon allein das Interesse am Text und an der begleitenden Aufgabe steigert. Digitale Kompetenzen sind inzwischen zum Lerngegenstand auch im Englischunterricht geworden und sind regelmäßig zu trainieren.
- Die Lernenden kommen ins Gespräch und bauen ihre Sprachkompetenz aus. Sie diskutieren unterschiedliche Interpretationen, äußern vielleicht ihr Erstaunen über die Ergebnisse anderer und geben einander Feedback. Diese natürliche Kommunikationssituation beim Vergleich der Bilder führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem intensiven Austausch.
Tipps für den Unterricht
- Grundsätzlich lassen sich in jedem literarischen Text Settings, Figuren oder Themen für eine Visualisierung finden. Die Auswahl sollte so erfolgen, dass die Ergebnisse das Textverständnis unterstützen und sich als Textanalyse anbieten. Visualisieren heißt nicht, Dekobilder zum Text erstellen. Besonders ergiebig und spannend wird es, wenn Figuren visualisiert werden sollen (→ Figurencharakterisierung). In „Feed“ wird die Hauptfigur Titus äußerlich kaum beschrieben. Es ist nicht bekannt, wie groß er ist, welche Haarfarbe er hat oder wie er sich kleidet. Den Vorstellungen sind daher keine Grenzen gesetzt, und es bleibt ganz den Lernenden überlassen, diese Leerstellen im Text zu füllen.
- Eine Visualisierungsaufgabe lässt sich natürlich auch analog umsetzen, etwa durch Zeichnungen oder Collagen. Der digitale Weg hat aber den Vorteil, dass auch Lernende, die nicht so gut zeichnen oder malen können, Bilder einbringen können.
- Planen Sie stets Zeit für eine Anschlusskommunikation ein. Es ist schließlich Sprachunterricht und da sollte jede Aktivität zu sprachlicher Leistung führen. Ihre Lernenden werden zudem Lust haben, sich zu anderen Bildern zu äußern. So eine Gelegenheit sollte man nicht verstreichen lassen. Dabei können die Bilder gemeinsam präsentiert werden oder es wird eine kleine Vernissage organisiert. So kommt Ihre Klasse garantiert ins Gespräch!
Fazit
KI kann den Literaturunterricht sinnvoll bereichern und erweitern. Entscheidend ist, dass KI nicht nur zur schnellen Ergebniserzeugung genutzt wird, sondern als Anlass für Reflexion, Diskussion und vertieftes Lernen dient. Dieses Beispiel zeigt, wie KI auch mit wenigen Vorkenntnissen das Lesen bereichern, Textinterpretation sichtbar machen und den kommunikativen Austausch verbessern kann. Der Literaturunterricht darf nicht den Anschluss an die Lebenswelt der Lernenden verlieren. Ein Ausprobieren lohnt sich!
Haben Sie bereits KI in Ihrem Literaturunterricht eingesetzt? Teilen Sie gern Ihr Vorgehen und Ihre Erfahrungen mit uns. Wir sind stets interessiert an Ideen und Materialien, die sich in der Praxis bewähren und den Unterricht bereichern.
Weitere Informationen zum Einsatz von KI im Fremdsprachenunterricht
- Flick, Manuel: KI-Bilder im Unterricht: DALL-E 2, Midjourney & Co. im Test: https://www.manuelflick.de/blog/bild-ki
- Schlicke, Sarah: Erfolgreich Prompten im Fremdsprachenunterricht: Ideensammlung. https://schulki.de/blog/erfolgreich-prompten-im-fremdsprachenunterricht-ideensammlung
Webinar
„Feed“ – Wenn Technologien unser Leben steuern
Termin: Donnerstag, 21.05.2026
Zeit: 17.00–18.00 Uhr
Der Roman greift aktuelle Entwicklungen und lehrplanrelevante Themen auf:
• Digitalisierung und Technologieabhängigkeit
• soziale Medien und ihr Einfluss auf Denken, Sprache und Kommunikation
• Macht und Verantwortung von Techunternehmen
• Konsum- und Werbekritik in der modernen Gesellschaft
• Ethik, Moral und persönliche Freiheit im digitalen Zeitalter
• Sprachwandel im Kontext digitaler Medien
In dieser Fortbildung erhalten Sie:
• einen kompakten Einblick in Handlung, Figuren und zentrale Themen des Romans
• praxisnahe und originelle Unterrichtsideen für die Arbeit mit „Feed“
• Impulse für den sinnvollen Einsatz digitaler Medien und KI zur klassischen und kreativen Textanalyse
• Anregungen zur Förderung kommunikativer und sprachlicher Kompetenzen
PRAXISTIPPS für Ihren Unterricht
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