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Literatur begeistert Jugendliche dann, wenn sie das Gefühl haben, dass ein Text etwas mit ihnen zu tun hat. Kreative Methoden beim Umgang mit literarischen Texten eignen sich hierfür besonders, da sie die Reaktion der Lernenden auf einen Text in den Mittelpunkt stellen und sie in die Textarbeit aktiv einbeziehen. In diesem Beitrag wird gezeigt, wie man dabei im Unterricht vorgehen kann. Eine Sammlung mit 40 bewährten Aufgaben steht als Download für die Unterrichtspraxis bereit.
Was leisten kreative Methoden?
Lesen ist ein aktiver Prozess, bei dem jeder Leser und jede Leserin den Text nach eigener Sicht interpretiert und die sogenannten Leerstellen eines Textes individuell füllt. Klassische textanalytische Verfahren, die rational und objektiv einen Text betrachten, berücksichtigen diese Sichtweise nicht ausreichend. Im Gegensatz dazu „verlagern handlungs- und produktionsorientierte Formen der Textarbeit den Akzent vom Text auf die Lernenden und deren Leseverstehen“ (Surkamp, Nünning: 70)
Die Schüler/innen stellen dabei ihre Interpretation eines Textes in vielfältigen Produkten oder Handlungen und mit allen Sinnen dar. Ein tiefes Textverständnis und eine intensive Auseinandersetzung mit den Figuren, dem Setting und gestalterischen Mitteln sind dabei erforderlich – Textanalyse in kreativer Form!
Kreative Methoden haben einen großen motivationalen Effekt, denn sie sprechen Emotionen, unterschiedliche Sinne und vielfältige Interessen der Schüler/innen an. Werden sie zudem in einen originellen Rahmen gebettet, rufen sie Spannung und Spaß hervor und erreichen so Lernende, die sich mit Literatur etwas schwer tun.
Kreative Aufgaben kennen dabei keine Altersgrenzen. Im Gegenteil, gerade ältere Lernende können durch entsprechende Aufgaben ihr sprachliches Potenzial zum Ausdruck bringen und altersgemäße, komplexe (digitale) Produkte erstellen, die einen analogen Lesetext in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen.
Daher sollten kreative Aufgaben möglichst von Anfang an neben textanalytischen Verfahren in einem Lektüredurchgang eingeplant werden und nicht allein den unterhaltsamen Abschluss von Textarbeit bilden.
Zwei Grundformen kreativer Methoden
Kreative Verfahren im Literatunterricht können in zwei Kategorien eingeteilt werden: produktionsorientierte bzw. textproduktive und handlungsorientierte Methoden.
Produktionsorientierte (textproduktive) Methoden haben als Ziel, zum Ausgangstext einen neuen Text zu erstellen. Lernende setzen sich mit einem Text auseinander, indem sie ihn umschreiben, ergänzen, kürzen, sich mit Figuren auseinandersetzen und ihre Perspektive übernehmen, die Textsorte ändern, Texte in digitale Medien übertragen oder persönlich auf den Text reagieren u.v.m.
Bei handlungsorientierten Methoden steht das praktische Handeln und der aktive Einsatz unterschiedlicher Sinne mit Literatur im Mittelpunkt. Die individuelle Interpretation eines literarischen Textes kann beispielsweise durch folgende Methoden umgesetzt werden:
- Szenische Methoden: Rollenspiele, szenisches Lesen, eine Buchbesprechung zum Text durchführen
- Visuelle Methoden: Bilder zu einem Text erstellen, das Cover neu gestalten, passende Kunstobjekte auswählen
- Akustische Gestaltung: eine Playlist zusammenstellen, Hintergrundmusik zu einer Szene aussuchen
Beispiele für den Einsatz kreativer Methoden
Die folgenden Beispiele stammen aus dem Unterrichtsmaterial zum dystopischen Roman „Feed“ von M.T. Anderson. Der Feed ist ein Internet-Implantat, mit dem die Menschen nonstop im Internet unterwegs sind und der zum dominierenden und manipulierenden Faktor in ihrem Leben wird.
Visuell: Picture it
Zu Beginn des Romans fliegen die Hauptfigur Titus und seine Freunde auf den Mond, einer beliebten tourist destination. Aufgabe der S ist es, den Mond in einem Bild so darzustellen, wie er im Text beschrieben wird. Genaues Textverständnis und eigene visuelle Vorstellungen des Gelesenen sind dafür erforderlich. Die S können das Bild vom Mond selbst gestalten/malen oder eine KI verwenden. KI bietet den Reiz, dass dystopische Welten kraftvoll und visuell stark generiert werden können. Dabei kann gleichzeitig das Formulieren eines passenden Prompts trainiert werden. Abschließend stellen die S ihre Bilder vor und diskutieren, welches Bild am besten den Mond in „Feed” darstellt und warum. Anschlusskommunikation ist ein wichtiger Teil bei kreativen Aufgaben, um die unterschiedlichen individuellen Ergebnisse zu vergleichen und zu besprechen.
Rollenspiel: Breaking News
Auf dem Mond passiert etwas Außergewöhnliches: Der Feed in den Köpfen der Jugendlichen wird gehackt und außer Kraft gesetzt. Ihr digitaler Zugang zueinander oder zur Außenwelt kann nicht mehr genutzt werden. Die S stellen diese Situation im Unterricht dar, indem sie in einer Breaking-News-Reportage über den Vorfall berichten. Sie übernehmen die Rollen von Figuren aus dem Text und von weiteren Personen, die beim Hackerangriff dabei gewesen sein könnten, aber im Roman nicht vorkommen. Diese Aufgabe kombiniert Textverstehen, kreative szenische Umsetzung und Präsentationskompetenz. Gleichzeitig werden sprachliche Mittel trainiert, die sich zur Berichterstattung über ein dramatisches Ereignis eignen und bei dem man aufgrund fehlender Informationen Vermutungen äußern muss. In Gruppen stellen die S ihre Sendung live oder als Video vor. Nach jeder Präsentation sagen die S, was sprachlich und inhaltlich besonders gelungen war.
Einen Text umschreiben: The ending it deserves
Das Ende eines Buches wird oft unterschiedlich aufgenommen und ist damit ein idealer Anlass für emotional-angeregten Austausch oder um ein alternatives Ende schreiben zu lassen. „Feed“ endet tragisch, denn Violet, Titus‘ Freundin, ist schwer krank, weil ihr Feed nicht mehr reagiert. Die zuständige Firma FeedTech verweigert die Reparatur. Die S erhalten die Aufgabe, das Ende umzuschreiben. Um den Reiz und die Motivation zu erhöhen, wird die Aufgabe in einen inhaltlichen Rahmen gebettet: Wie würde der Roman enden, wenn FeedTech doch bereit ist, Violets Feed wieder instandzusetzen und Violet diese frohe Botschaft Titus mittels einer Textnachricht schickt? Bleiben Violet und Titus dann zusammen? Die S überlegen, wie das Buch enden könnte, und verfassen ihre Entscheidung in Form einer (digitalen) Textnachricht. Inhaltliche Spannung auf mehreren Ebenen, die zudem sprachlich entprechend der Textsorte umgesetzt werden muss. Die Ergebnisse werden sicher für genauso viel Gesprächsstoff liefern wie das ursprüngliche Ende.
40 kreative Methoden für Ihren Literaturunterricht
Die Beispiele für den Einsatz von kreativen Methoden beim Umgang mit literarischen Texten sind zahlreich und vielseitig, bisweilen auch etwas unübersichtlich. Hier finden Sie eine Sammlung mit 40 Aufgaben für den textlichen, szenischen, akustischen und visuellen Umgang mit literarischen Texten. Die Aufgaben lassen sich flexibel an jeden literarischen Text oder Textsorte anpassen. Sie sind praxisnah, schnell einsetzbar und erfordern nur wenig Vorbereitung.
Nutzen Sie die Sammlung als Quelle, Inspiration oder zum Nachschlagen, wenn Sie eine Lektüre kreativer behandeln möchten. Denkbar ist auch, die Aufgaben mit den Schüler/innen zu besprechen und auszuloten, wo die Interessen liegen und was ihre Aufmerksamkeit am meisten weckt.
Ein Tipp: Ergänzen Sie die Aufgaben, wenn möglich, durch einen originellen oder herausfordernden Kontext. Eine spannende Rolle oder Situation kann zum game changer werden und die Motivation der Schüler/innen deutlich steigern.
Auf unserem Instagram-Kanal werden die einzelnen Methoden ausführlich erläutert und mit praktischen Beipielen vorgestellt.
Hier geht es zur Aufgabensammlung.
Fazit
Kreative Methoden machen Literaturunterricht lebendig, fördern Textverständnis, Eigenständigkeit und Ausdrucksfähigkeit der Lernenden und bringen Schwung in den Unterricht mit Literatur. Sie geben Schüler/innen die Möglichkeit, Texte aktiv zu erleben, eigene Perspektiven zu entwickeln und diese sichtbar umzusetzen. Daher liegt es nahe, das eingangs genannte Zitat für den Literaturunterricht anzupassen: Let the students finish the book.
Quellen
Surkamp, Carola; Nünning, Ansgar: Englische Literatur unterrichten. Kallmeyer, Seelze, 2006
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