Abbildung für den Praxistipp: Literatur mit kommunikativen Kompetenzen entwickeln

Literatur: Die Trumpfkarte für kommunikative Kompetenzen

Inhalt

1 Kommunikative Kompetenzen im Literaturunterricht – eher die Ausnahme

Hand aufs Herz: Wer denkt bei der Förderung von Sprachhandeln in der Fremdsprache zuerst an literarische Texte? Und wer wählt sie gezielt aus, um funktional-kommunikative Kompetenzen zu trainieren? Die Erfahrung zeigt: Nur wenige. Denn die vorherrschende Meinung lautet oft: Literatur soll Literatur bleiben. Wer sie im Unterricht mit Kompetenzen „zerpflückt“, verdirbt die Freude am Lesen, die bei Jugendlichen leider oft nicht sehr ausgeprägt ist.

Hinzu kommen Inhalt und Komplexität literarischer Texte. Da erscheint es naheliegend, den Fokus auf das Verstehen und die literarische Analyse zu legen und nicht zusätzlich gezielt Kompetenzen trainieren.

Die Folge: Für die Förderung kommunikativer Kompetenzen werden in der Regel Sachtexte herangezogen. Sie sind leichter zu beschaffen (Internet), lassen sich gezielt in großer Vielfalt aufbereiten (KI) und eignen sich hervorragend, um funktionale Kompetenzen im Detail zu untersuchen und intensiv einzuüben.

2 Kommunikative Kompetenzen mit Literatur – wenig genutzt, aber hochwirksam

2.1 Mehrdeutigkeit belebt den Austausch

Nehmen wir einen gewöhnlichen Sachtext und bereiten ihn für mündliche oder schriftliche Tätigkeiten im Unterricht vor, um comprehension zu überprüfen, vielleicht sprachlich etwas genauer zu betrachten, dazu eine AFB3-beyond-the-text-Aufgabe, oft auch eher sachlich, die die Jugendlichen zum sprachlichen Handeln auffordert.

Nun folgt derselbe Ablauf mit einem literarischen Text. Das Vorgehen ist ähnlich und doch liegt ein entscheidender Unterschied vor. Während Sachtexte in der Regel objektiv und eindeutig formuliert sind, zeichnen sich literarische Texte durch Offenheit und Mehrdeutigkeit aus. Genau das macht sie für den Unterricht attraktiv und und zu einem wahren Schatz: Literatur fordert jeden Leser und jede Leserin zu einer personal response auf, bei der das eigene Weltbild, eigene Erfahrungen, die eigene Sicht auf Figuren und Handlung von Relevanz sind. Mit anderen Worten: In der Literatur steht die Rolle der Lesenden im Mittelpunkt, übertragen auf den Unterricht sind es die lesenden Lernenden, die sich aktiv in das literarische Geschehen einbringen. Dieser Schlüsseleffekt sollte im Unterricht stets ausgenutzt werden. Literarische Texte regen viel stärker als Sachtexte zum Nachfragen, Reagieren, Stellungnehmen, Infragestellen, Widersprechen, Befürworten, Identifizieren an – alles Tätigkeiten, die sich mit funktionalen Kompetenzen verbinden lassen und sie auf vielfältige Weise trainieren.

Quote Reading No two persons ever read ...

2.2 Kontext schafft authentische Sprachanlässe

Damit Lernende kommunikativ tätig werden – schriftlich wie mündlich – braucht es einen für sie nachvollziehbaren, sinnvollen Kontext. Nur so entsteht der Impuls, sich wirklich äußern zu wollen. Geschichten erfüllen diese Rolle schon immer: ob im Buchklub, beim Austausch über eine Serie oder andere Geschichten – Fiktion spricht an, regt an (und auf), bewegt uns. Dieser starke motivierende Aspekt von Literatur, der unsere emotionale Seite anspricht und triggert, ist genau das, was wir im Unterricht benötigen, um das manchmal vorhandene jugendliche Desinteresse zu überwinden. Eine prägnante Szene, spannende Figur oder überraschende Handlungsentscheidung, eingebettet in einen originellen Rahmen, ist eine ideale Grundlage, um funktional-kommunikative Kompetenzen trainieren. Hier werden die nötigen Reize geschaffen, damit S gar nicht anders können als sich zu äußern. 

Zugegeben, es erfordert etwas Überlegung, aktivierende kommunikative Situationen zu gestalten. Doch der Gewinn kann sich sehen lassen: Wenn Lernende gar nicht mehr aufhören wollen zu diskutieren, entsteht authentische Kommunikation, die weit über bloße Übung (und Unterricht!) hinausgeht.

2.3 Perspektivübernahme und Identifikation

Literarische Texte sind ein ideales Medium, um Empathie, Perspektivübernahme und Fremdverstehen zu fördern. Das Hineinversetzen in andere Figuren geschieht beim Lesen oft unbewusst und regt zum Nachdenken über andere und über sich selbst an. Im Unterricht kann und sollte dieser Perspektivwechsel gezielt unterstützt werden. Neben dem klassischen inner monologue bieten sich vielfältige kommunikative Aufgaben an, die die S dazu anregen, in die Rolle von Figuren zu schlüpfen oder sogar neue Charaktere zu erfinden. Mal jemand anders sein, macht Spaß, erweitert den Horizont und belebt die Interaktion. Besonders Schreibaufgaben eröffnen hier ein großes Potenzial:

  • Ausgangstext umschreiben in eine andere Textsorte: Dialog, Drehbuch, Nachrichtenmeldung, Kritik, Tagebucheintrag, Denkblasen, Insta-Beitrag, E-Mail, Chat-Verlauf
  • Ausgangstext erweitern: Handlung an einen anderen Ort/andere Zeit versetzen, weitere Handlungen/Personen (strange relative) einfügen, Interview mit einer Figur schreiben, alternative Szenen oder „missing chapters“, die Handlungslücken füllen oder neu interpretieren, dieselbe Szene aus der Sicht einer Nebenfigur schildern

Zusammenfassung: Das Kompetenz-Potenzial von Literatur erkennen

Das große Potenzial literarischer Texte lässt sich damit zusammenfassen, dass sie neben Austausch über den Inhalt authentische Anschlusskommunikation (Surkamp, S. 22) ermöglichen. Damit sind jene Formen von Austausch gemeint, die sich nicht mehr nur auf das reine Textverständnis beschränken, sondern darüber hinausgehen. AFB3-beyond-the-text-Aufgaben werden damit zu echter Kommunikation, weil der literarische Ausgangstext zwar den Kontext geliefert hat, die Lernenden ihre individuellen Reaktionen, Gedanken und Emotionen hinzufügen können.

3 Die ganze Bandbreite kommunikativer Kompetenzen mobilisieren

Beim Erschließen literarischer Texte kommen fremdsprachliche Kompetenzen permanent zum Einsatz. Am naheliegendsten ist selbstverständlich das Leseverstehen: Lernende müssen den Text inhaltlich erfassen und dabei geeignete rezeptive Lesestrategien anwenden.
Doch Literaturunterricht sollte keineswegs darauf reduziert werden. Es lassen sich mit Literatur alle Kompetenzbereiche fördern:

  • Funktional-kommunikative Kompetenzen, etwa durch Diskussionen, kreative Schreibaufgaben oder Rollenspiele oder mit passenden Hör- und Hör-/Sehimpulsen
  • Interkulturelle Kompetenzen, die besonders durch Perspektivübernahme und Empathie aktiviert werden
  • Digitale Kompetenzen, die sich hervorragend mit literarischen Lerninhalten verknüpfen lassen, inbesondere mit dystopischen Texten, wie Sie im Webinar „Zwischen Fiction und Future – Dystopien kreativ und digital unterrichten“ am 4.11.2025 erfahren können. Mehr Informationen dazu finden Sie HIER.

So fordern es auch die Bildungsstandards, die klar definieren, welche kommunikativen Kompetenzen systematisch und kontinuierlich im Englischunterricht entwickelt und trainiert werden sollen. Dort werden übrigens literarische Texte gleichberechtigt neben nicht-literarischen Texten als Grundlage für den Kompetenzaufbau genannt. 

Bei der Unterrichtsplanung ist zu überlegen, ob ein Text besser schriftlich oder mündlich ausgewertet wird, welche Art von Anschlusstext oder -gespräch sich eignet, welche Hilfsmittel eingesetzt werden sollen und ob weitere mediale Zusatztexte nötig sind. Empfehlenswert ist darauf zu achten, dass kommunikative Kompetenzen abwechslungsreich eingesetzt werden und zusätzlich einen motivierenden Rahmen erhalten. 

Übersicht über kommunikative Kompetenzen

4 Sprachpraktische Beispiele

Praxisbeispiel 1: Loose Change von Andrea Levy – Character studies

In der Kurzgeschichte Loose Change begegnet eine Londonerin zufällig dem Mädchen Laylor in der National Portrait Gallery. Laylor ist mit ihrem Bruder aus Usbekistan geflohen, beide leben obdachlos auf der Straße. Die Erzählerin schwankt zwischen Mitgefühl und Zurückhaltung – und entscheidet sich schließlich nach längerem inneren Ringen überraschend dagegen, zu helfen.

Die Aufgabe unten rückt das Schicksal von Laylor in den Vordergrund. Die S sammeln Informationen über Laylor in der Geschichte (Leseverstehen), vergleichen Laylors Situation mit den Herausforderungen, denen geflüchtete Menschen ausgesetzt sind. Danach versetzen sich die S in Laylors Lage (Perspektivübernahme) und verfassen über ihre Erlebnisse einen Zeitungsartikel (Schreiben). 

Charaterisierung von Leyla in Loose Change_UM 2.1_Character studies, #2

Die S beurteilen das Verhalten der Erzählerin im Verlauf der Geschichte. Die Aussagen auf dem Arbeitsblatt nennen bewusst ganz unterschiedliche Meinungen über die Erzählerin, mit denen man übereinstimmen kann oder nicht. Auch hier wird eine Perspektivübernahme unausweichlich, wenn man diese Aussagen bespricht. Natürlich können die S auch eigene Aussagen hinzufügen und damit ihre eigene Sicht auf die Erzählerin zum Ausdruck bringen. 

Aufgabe zur Bewertung der Erzählerin in der Kurzgeschichte Loose Change

Sprechen: In kooperativer Gruppenarbeit bewerten die S abschließend das Verhalten der Erzählerin und ordnen ihre Entscheidung in den Kontext der Geschichte ein. Anschließend diskutiert die eine Hälfte der Lerngruppe Argumente, die die Entscheidung rechtfertigen, die andere Hälfte Gegenargumente. Je ein/e Vertreter:in aus jeder Gruppe präsentiert die Ergebnisse. Ein referee entscheidet, welche Begründungen am überzeugendsten vorgebracht wurden. Diese Situation fördert die Fähigkeit, andere Standpunkte zu verstehen und sprachlich nachvollziehbar zu vertreten.

Dieser Rahmen bringt eine zusätzliche gesprächsunterstützende Komponente ein: Die S sollen ihre Meinung für oder gegen die Entscheidung der Erzählerin so darbieten, dass ein gemeinsames Urteil gefällt werden kann. Das schafft Spannung und Ehrgeiz, was wiederum emotionale Aspekte sind, die die Gesprächsbereitschaft beleben.

Aufgabe zu Character studies in Loose Change_UM_2.3_Character_analysis, #2

Praxisbeispiel 2: Feed von M.T. Anderson

Im Roman Feed werden Schulen von großen Konzernen geführt und mit einem ™-Symbol versehen. Unternehmen bestimmen, was und wie gelernt wird, um die zukünftigen Konsumenten in ihrem Sinne zu erziehen.

Zunächst vergleichen die S die Schulen im Roman mit den heutigen Schulen (Leseverstehen). In einem anschließenden Roleplay (Sprechen) übernehmen die S verschiedene Perspektiven in einer schulpolitischen Debatte: Welche Fächer sollten entfallen, um Raum für mehr KI-Kompetenzen zu schaffen? Dieses Thema spiegelt aktuelle Diskussionen um AI literacy und die Bedeutung von Wissen und Lernen wider – ein Aspekt, der für Jugendliche besonders relevant ist. Die Debatte kann in einer großen Diskussionsrunde oder in mehreren Kleingruppen stattfinden. Zum Abschluss präsentieren die S ihre Ergebnisse und reflektieren, welche Argumente besonders überzeugend waren. Die S üben, Standpunkte mit Beispielen zu belegen, Gegenpositionen zu erkennen und in der Fremdsprache zu verhandeln.

Das Thema des School Board Meetings lässt sich flexibel anpassen (S dabei einbeziehen), z. B. zu Fragen wie: „Feed-Wissen vs. KI-Wissen vs. klassisches Schulwissen“ oder „Welche Fächer sind verzichtbar?“ Auch die Rollen können variabel gestaltet werden.

Im Anschluss setzen sich die S mit der Frage auseinander, inwiefern reale Schulen zunehmend Ähnlichkeiten mit School™ aus dem Roman entwickeln. Dabei evaluieren sie die Rolle moderner Technologien – insbesondere KI – im Schulalltag. Unter Rückgriff auf Titus’ Zitat aus Aufgabe 1 verfassen sie einen comment (Schreiben), in dem sie ihre Position klar formulieren und mit Beispielen belegen.

Aufgabe aus dem UM von Feed_8_The future of education_SchoolTM, #2

Fazit

Literarische Texte sind weit mehr als ein Mittel zur Leseförderung. Ihre Offenheit, Vielschichtigkeit und emotionale Kraft schaffen authentische Anlässe für Austausch, Diskussion und kreative Ausdrucksformen. Im Unterricht bieten sie daher die ideale Basis, um kommunikative Kompetenzen nicht isoliert, sondern eingebettet und motivierend zu entwickeln.

Für Sie bedeutet das: Trauen Sie der Literatur mehr zu. Nutzen Sie ihre Mehrdeutigkeit und den kommunikativen Rahmen für produktives Sprachhandeln. Literatur lebt davon und möchte zur Kommunikation bewegen – das kann auch im Literaturunterricht sein, in dem Sprache nicht nur gelernt, sondern angewendet wird.

WEBINAR

Zwischen Fiction und Future – Dystopien kreativ und digital unterrichten

Termin: Dienstag, 04.11.2025
Zeit: 17.00–18.00 Uhr

Inhalt
Dystopische Romane begeistern Jugendliche – sie sind spannend, aktuell und behandeln Themen wie Überwachung, Manipulation und Technikgläubigkeit, die nah an ihrer Lebensrealität liegen. Gerade weil Technologien in diesen Erzählwelten eine zentrale Rolle spielen, eignet sich der Einsatz digitaler Medien im Zusammenhang mit dystopischen Texten in besonderer Weise.

Sie erfahren,
➡️ wie sich analoge Aufgaben digital anreichern oder umwandeln lassen
➡️ was unter kreativen Verfahren im Literaturunterricht zu verstehen ist
➡️ wie klassische Elemente der Textanalyse mit digitalen Tools, KI und kreativen Verfahren motivierend und differenziert umgesetzt werden können.

Die praktische Umsetzung wird anhand des Romans „Feed“ vorgestellt und lässt sich auf andere literarische Texte übertragen.

Hier geht es zur ANMELDUNG

Abbildung für das Genre Dystopie

Literatur

Surkamp, Carola, Nünning, Ansgar (2016) Englische Literatur unterrichten | 1 Grundlagen und Methoden. Seelze: Klett, Kallmeyer

KMK (2012). Bildungsstandards für die fortgeführte Fremdsprache (Englisch/Französisch) für die für die Allgemeine Hochschulreife. Verfügbar unter https://www.kmk.orgfileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_10_18-Bildungsstandards-Fortgef-FS-Abi.pdf

Hier finden Sie weitere PRAXISTIPPS für Ihren Unterricht.

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Titelbild zum Praxistipp Interaktive Testfragen_Frau mit Buch und Fragezeichen

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